Aderlass: Brandanschlag

Noch fünf Minuten bis halb eins. Laura neben mir zittert. Aufregung, Kälte, Angst. Ich taste nach ihren Händen, stecke sie in meine Jackentasche. »Gleich hast du wieder warm.« Es ist komisch: Mit ihr neben mir habe ich viel weniger Angst. Irgendwie fühlt es nicht wirklich echt, was wir hier tun, mehr wie ein Spiel. Aber vielleicht stecke ich meine Angst auch nur weg, weil ich sie ihr nicht zeigen will.
Fremd fühlt es sich an, so zwischen zwei Zeiten zu stehen: Zwischen Würkten und der Weltreise. Zuhause haben wir alles abgeschlossen. So gut es ging in der kurzen Zeit. Ich räumte mein Zimmer, stellte die Dinge bei Chlaus in den Estrich, schrieb die Kündigung. Ich war überrascht, wie diskret Chlaus war. Er stellte mir keine Fragen. Und auch Laura nicht, als sie ihn um Geld anging. Er lieh es ihr einfach aus, nickte uns zu und wünschte viel Glück.

Jetzt gilt es, den letzten Schritt zu tun. Der Fanal, der Abschluss meiner Jugend, nachher: Ade Würkten! Morgen um diese Zeit sind wir schon in Luxemburg.
Punkt halb eins gehen die Lichter aus. Es ist sehr still. Weit weg rauscht hie und da ein Auto. Der Mond ist hinter den Wolken verschwunden. Ich bin froh darüber. Die verschneiten Wiesen reflektierten sein Licht.
»Nimm du den Kanister, dann nehm ich den Rest,« flüstere ich Laura zu. Wir schleichen dem Waldrand entlang und gelangen auf die zwanzig Meter offene Wiese vor dem Schützenhaus. Unserer Schritte knirschen auf dem gefrorenen Schnee. Es tönt viel lauter, als ich erwartet habe.
Plötzlich schreit Laura leise auf. Sie ist durch den Schnee eingesackt. Sie lässt den Kanister fallen. «Nimm du ihn, ich bin zu schwer.«
»Dann bin ich zu schwer.«
»Wieviel wiegst du?«
»Einundsechzig Kilo.«
»Ich vierundsechzig, und du hast grössere Schuhe.«
Ist egal, nur schnell weg von dieser freien Fläche. Ich setze meinen Sack ab, ziehe den Kanister mit mir.
An den Dachrinnen des Schützenhauses hängen Eiszapfen. Ich taste mich der Hauswand entlang. Laura folgt mir. Am Scharnier von einem der Läden bei den Schützenständen setze ich das Brecheisen an und drücke. Das Scharnier knallt aus dem Holz. Wir ducken uns gegen die Hauswand.
Ganz Würkten muss den Knall gehört haben! Mein Herz klopft. Die Handschuhe kleben vor Schweiss an meinen Fingern.
Schnell weiter. Das andere Scharnier! Weniger Widerstand, aber wieder ein Knall. Ich drücke den Laden zur Seite. Das Schloss bricht knarrend ab. Wir können hinein.
»Die Taschenlampe.«
Laura reicht sie mir. Ich richte sie ins Innere. Hinter den Liegen der Schützen ist eine Galerie, dahinter eine Fensterreihe. Links muss das Büro sein, rechts der Clubraum.
Wir steigen ein, klettern über die Schützenlager auf die Galerie. Zum Glück ist die Tür zum Clubraum nicht abgeschlossen.
Der Strahl der Taschenlampe erfasst die Vitrinen. Wimpel, Schützenbecher, Medaillen. Zitternd tauchen sie auf, wie Relikte einer versunkenen Stadt im Scheinwerfer eines Tauchbootes. Auf dem Meeresboden liegt ein grauer Spannteppich. Es riecht nach kaltem Stumpenrauch. Neben der Tür ist eine Steckdose.
»Hier!«
Laura stellt den Eimer auf den Boden. Ich giesse ihn voll Benzin. Die Dämpfe beissen in der Nase. Den Rest des Benzins giesse ich auf die Sofas neben der Bar. Laura hängt den Tauchsieder in den Eimer. Das Kabel ist gerade lange genug bis zu Steckdose.
»Wart.«
Ich lege den Plastiksack und den Kanister neben den Eimer. Die Taschenlampe auf ein Regal. Hier wird sie niemandem auffallen. Wir ziehen uns zur Tür zurück.
»Jetzt!«
Laura drückt den Stecker des Tauchsieders in die Dose.
»Mach die Tür zu, sonst verflüchtigen sich die Benzindämpfe. Dann wird die Explosion weniger stark.«
Wir steigen über die Lager zum Laden, klettern hinaus, rennen über die Wiese, in den Wald, durchs Gebüsch, hinauf zum Waldweg.
Ich schau hinter mich, als wir ins Dunkel des Waldes eintauchen. Das Schützenhaus liegt unschuldig und verlassen da. Als ob nichts geschehen sei. Der aufgebrochene Laden ist in der Dunkelheit nicht zu erkennen.
»Schnell!«
Laura stolpert, ich stolpere hinter ihr, wir rennen weiter. Es ist wie ein Traum. Nur unsere Schritte sind zu hören, das Knacken von Ästen, unser stossweises Atmen. Blut rauscht in meinen Ohren, aber sonst ist es still, als habe jemand die Lautstärke der Welt abgedreht. Nur wir sind noch da, Laura und ich.
Jeden Moment muss es hinter mir knallen!
Wir erreichen den grossen Waldweg. Damit sie unsere Spur verlieren, versuchen wir in den Fusstapfen zu gehen, die schon auf dem Weg sind. Hinter der Holzbeige liegen unsere Ersatzkleider und der Proviant für die Velofahrt.
Als ich mich ausziehe, spür ich die Kälte gar nicht, erkenne sie nur an den langen Wolken, die unser Atem bildet. Frische Hose, neue Jacke, Schuhe. Plötzlich glänzen Lauras Brüste im Mondlicht. Es ist wie ein Trip.
Wir packen die alten Kleider, die Handschuhe, Mützen, Schal in einen Plastiksack. Ich giesse Rosenöl darüber. Damit die Hunde den Sack nicht riechen. Laura vergräbt alles unter dem Schnee. Zur Sicherheit noch drei Knochen danebenlegen. Falls die Hunde hinter der Beige schnüffeln, denken die Bullen, es sei wegen der Knochen.
Wir stapfen in den Spuren anderer Leute weiter. Immer noch kein Knall! Haben sie den Strom abgestellt? Oder funktioniert der Tauchsieder nicht? Ich habe ihn noch gestern ausprobiert. Oder haben sie etwas schon etwas entdeckt? Sind sie schon hinter uns her? Die Spuren im Schnee vor dem Schützenhaus waren auch zu deutlich.
Auf ein Mal stehen wir vor dem Wommitturm. »Komm hinauf!« sagt Laura. »Ich will es von oben sehen.«
»Du spinnst, viel zu gefährlich.«
»Ach was, es ist ja noch nichts passiert.« Es ist zehn vor eins. Warum ist das Schützenhaus noch nicht in die Luft geflogen?
»Komm!« Laura zieht mich auf die Treppe.
Oben weht ein eisiger Wind. Das Schützenhaus liegt dunkel in den hellen Wiesen unter uns. Würkten leuchtet orange. Nirgends ein Auto, nirgends ein Mensch.
Plötzlich zuckt ein Lichtblitz aus dem Schützenhaus, ein dumpfer Knall rollt zu uns hinauf. Es brennt! Das ganze Holzhaus brennt. Das halbe Dach hat es weggeblasen. Die Flammen schlagen meterhoch in die Luft. Trümmer regnen auf den Schnee. Die Fenster zersplittern, der Gluthauch wirbelt brennende Fetzen durch die Luft. Sogar aus dem Schornstein schlägt Feuer.
»Wow!« flüstert Laura.
Wir starren auf das Inferno hinunter. Eines der Sofas liegt in Fetzen mitten im Flammenmeer. Aus der Polsterung quillt dicker gelber Rauch. Die Flaschen der Bar explodieren klirrend. Ein Dachbalken stürzt funkensprühend ein. Das Feuer wirft blinkende Schatten auf die Wiese. Manche kommen bis zur Hauptstrasse hinunter. In der Stadt schreit eine Sirene auf.
»Genug gesehen,« sagt Laura. Wir steigen hinunter.
Unten ist vom Feuer nichts zu sehen. Die Sirenen sind weit weg. Die Feuerwehr wird jetzt schon unterwegs sein, die Bullen wahrscheinlich auch. Guten Morgen, Herr Bezirksanwalt, es brennt!

 

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