Aderlass: Knastalltag

– Gutenmorgenkaffee? –

Die herunterrasselnde Klappe schrickt mich aus dem Schlaf. »Halb sieben, aufstehen.« Ich stütze mich auf. Meine Augenlieder kleben, mein Zahnfleisch brennt, ich fühl mich teigig.
Tickatum, tickatum.
Endlich bringe ich die Augenlider auf. Das Loch über der Klappe ist leer.
Tickatum, tickatum.
Was das wohl sein mag? Es ist draussen, auf dem Gang. Tickatum, tickatum. Dann das saugende Geräusch von Zellentüren, die aufgezogen werden. Stimmen. Nachher wieder tickatum, tickatum.
Mühsam stemme ich mich auf. Es ist, als habe mir der Schlaf Bleigewichte an den Leib gelegt. Ich schäle ich mich aus den Decken, gehe zur Klappe, stecke meinen Kopf hindurch.
Tickatum, tickatum.
Der Gang liegt leer in bleichem Neonlicht. Das Geräusch kommt um die Ecke.
Tickatum, tickatum. Es kommt näher.
Ich setze mich an den Tisch. Draussen ist es noch dunkel. Ich rolle mir eine Zigarette, drehe das Radio an. DRS Nachrichten.
Tickatum, tickatum.
Jetzt übertönt das Geräusch sogar den Nachrichtensprecher. Noch einmal nachsehen!
Es ist ein Wägelchen mit einem unrund laufenden Rad. Ein Wärter zieht es durch den Gang. Zwei grosse Pfannen stehen drauf mit Schöpfkellen darin. An einer Seite schlenkert ein Plastiksack voll Brotscheiben. Der Wärter schliesst eine Zellentür auf, schöpft Kaffee aus der Pfanne, zieht Brot hervor, gibt es hinein und schliesst die Tür wieder.
So also wird hier das Frühstück ausgeteilt…
Ich setzt mich wieder an den Tisch. Mein Zahnfleisch brennt immer noch.
Schliesslich hält das Wägelchen vor meiner Zelle. Die Tür geht auf. »Gutenmorgenkaffee?«
Briner heisst der Wärter heute. Er ist jünger als Brander, trägt einen Schnurrbart.
Ich nicke. Briner schenkt Kaffee in einen Napf und reicht ihn mir. »Wieviele Scheiben Brot?«
»Eine.« Er gibt sie mir, dazu eine Portion Butter und ein Streichkäsli.
Ich lege alles aufs oberste Regal des Kastens. Vielleicht habe ich später Hunger. Der Kaffee schmeckt nach Seife. Ich schütt ihn weg und mache mir mit dem Tauchsieder eigenen.
Im Radio kommt das Morgenjournal. Ich höre nicht zu, aber immerhin füllt die Sprecherstimme die Zelle ein wenig.
Später kommt Briner zurück. »Papierkorb,« befiehlt er. »Aha, leer. Post?« Ich schüttle den Kopf. »Geben Sie das Geschirr heraus. Auch den Teller von gestern. Das Messer gehört zum Zelleninventar. Hier ihre Bibliothekbücher.« Er stellt ein Pack Bücher neben die Tür.
»Übrigens: Die Pritsche hat hochgeklappt zu sein, wenn ich am Morgen zum zweiten Mal komme. Wir wollen nicht, dass sie den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen. – Ich lasse es Ihnen heute noch einmal durchgehen, es ist ihr erster Tag. Morgen ist sie aber oben!« Die Tür klappt zu.
Arschloch.
Ich untersuche die Pritsche. Man kann sie hochstemmen. Es ist aber ziemlich mühselig, weil sie so tief hängt. Kaum zwanzig Zentimeter über dem Boden.
Das Bücherpack besteht aus drei Science Fictions und „Stiller“ von Max Frisch. Warum gerade Frisch? Den habe ich doch gar nicht bestellt. In der Schule musste ich einen Vortrag über ihn halten. Einen Zweieinhalber hab mir das eingebracht. Seither hasse ich Max Frisch.

Den ganzen Tag verbringe ich mit den Science Fictions.
Am Morgen führen sie mich noch spazieren. Aber es ist da nicht viel dran. Eine halbe Stunde im Kreis herumlaufen. Zusammen mit zehn anderen Gefangenen. Sprechverbot. Der Himmel ist düster. Ich sehne mich fast wieder nach der Geborgenheit der Zelle.
Um halb elf wird das Mittagessen ausgeteilt. Ravioli aus der Büchse, grüner Salat und Birnenkompott. Ich schütte alles ins WC, streich mir dafür das Streichkäsli auf die Scheibe Brot vom Morgen. Sonst trinke ich nur Kaffee.
Am Nachmittag höre ich, wie draussen auf dem Hof Holz gespalten wird.
Gegen Abend geht Klappe wieder auf. »Post für sie!« Eine Hand lässt drei Briefe auf den Boden fallen und zieht die Klappe zu. Ich steh auf, um die Briefe aufzuheben. Da knirscht der Schlüssel im Türschloss. Unwillkürlich springe ich zurück.
»Das hätte ich fast noch vergessen.« Im Eingang steht ein neuer Blaubeschürzter. Brunner sagt das Namenstäfelchen. »Kleider für Sie.«
Er setzt zwei Migros-Plastiksäcke in die Zelle. Dieselben Plastiksäcke, wie wir sie Sonntagnacht für die Schützenhausaction gebraucht haben. Ein zynischer Witz vom Bezirksanwalt?

Ich zerre die Säcke auf. Hosen, Unterhosen, Pullover, T-Shirts, Socken. Kleider aus meinem Reisegepäck!
In einer Hosentasche finde ich ein Papiernastuch mit einem roten Lippenabdruck drauf. Daneben in Blockschrift: Laura.
Kalte und warme Wellen schaudern durch meine Körper. Laura hat mir Kleider gebracht! Sie hat sie aus dem Schliessfach geholt und hier abgegeben. Vor zehn, vor zwanzig Minuten war sie ganz nahe, draussen vor dem Knast. Laura denkt an mich! Laura ist frei!
Aber warum versteckt sie sich nicht? Es ist viel zu gefährlich in Würkten. Laura, riskier nicht dein Leben, nur um mir Kleider zu bringen. Du musst untertauchen. Wenn sie dich schnappen, ist alles aus.
Ausser dem Taschentuch finde ich nichts in den Kleidern. Ich lege sie in den Kasten. Immer noch schwankend zwischen Freude und beissender Angst.

Dann die Briefe. Einer von Bezirksanwalt Sturzenegger, einer von einer Anwältin, Franziska Muster & sociae, Anwaltskollektiv Zürich
Sturzenegger schickt mir einen Formbrief. Den kenn ich!
„…muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich den Brief von Maria Rosa Benz, Weingoldstrasse 38, Würkten, nicht weiterleiten kann…ist Briefverkehr zwischen Mitangeschuldigten und früheren Mitangeschuldigten untersagt…PS. Ich möchte Sie bitten, mir Ihre Post unverschlossen zuzusenden. Das erspart mir Arbeit bei der Kontrolle des Inhalts…“
Maria hat mir geschrieben.
Warum lässt Sturzenegger den Brief nicht durch? Mein Verfahren hat doch nichts mit ihr zu tun!
Vielleicht weiss meine Anwältin Rat. Ich öffne ihren Brief.

„Sehr geehrter Herr Wasem,

Ich bin von Ihrer Mutter beauftragt worden, Sie im gegenwärtig laufenden Verfahren zu vertreten. Zu diesem Zwecke sende ich Ihnen zwei Vollmachtsformulare. Sobald die Vollmacht von Ihnen unterzeichnet ist, kann ich für Sie tätig werden und eine Besuchsbewilligung beantragen. Mit freundlich Grüssen, Franziska Muster. PS. Nach geltendem Zürcher Strafrecht dürfen Briefe zwischen einem/r Angeschuldigten und seinem/r Anwalt/Anwältin durch die Strafverfolgungsbehörden nicht geöffnet werden.“

Auch nur ein Formbrief.
Dennoch unterschreibe ich sofort die Vollmachtsformulare, stecke sie in den beigelegten Briefumschlag und klebe diesen zu.
Wenigstens den darf Sturzenegger nicht öffnen.

 

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