Aderlass: Tränen

Am nächsten Morgen ist draussen strahlend klares Wetter. Die Wintersonne scheint auf den Samstagnachmittagsrummel auf dem Neumarkt. Die paar Leute, die sich versammelt haben, um für die Gefangenen zu demonstrieren, verlieren sich in der Menge.
Ich bin enttäuscht, dass wir nur so wenige sind. »Das Buschtelefon hat schlecht funktioniert,« sage ich zu Zetti. Er zuckt die Achseln: »Oder die Leute sind zu sehr auf Paranoia, als dass sie noch an eine unbewilligte Demo kommen.«
Das Aufgebot der Bullen ist grösser als unseres. Überall sind sie: Stadtpolizisten in Uniform, Kantonsbullen in Krawallmontur, ganze Wagenladungen voll.
Maria und Katrin spannen ein Transparent auf. „Freiheit für die Gefangenen“. Wir ziehen los, durch die Altstadt und dann in Richtung Bezirksgefängnis.
Ein Streifenwagen drängt uns aufs Trottoir. Unsere Demo sei nicht genehmigt, wir sollen uns an die Verkehrsregeln halten, sonst lösen sie uns auf, drohen die Bullen. Chlaus versucht mit ihnen zu verhandeln, aber sie kurbeln die Scheibe hoch, fahren weiter.
Wir folgen dem General‑Wille‑Quai und kommen schliesslich auf den Würktner Hohlweg. Hier liegt das Bezirksgefängnis, eingeklemmt zwischen See und Erlenberg, halb in den Abhang eingegraben. Es ist ein fensterloser rechteckiger Betonblock, die Vorderseite dreistöckig, die Hinterseite nur ein Meter hoch über dem ansteigenden Boden. Ein Kordon Krawallbullen riegelt den Zugang ab.
An der Aussenseite sei in jedem Stock der Gang, erklärt Zetti. Die Zellen führten nach innen auf den Hof. Auf dem Dach liege Stacheldraht mit Rasierklingen anstelle von Stacheln. »Da kommt keiner raus!«
Trotz der Bullen um uns herum, versuchen wir so viel Lärm wie möglich zu machen. Maria schlägt mit einem Stock auf einen Container, Katrin dreht eine Fasnachtsrätsche, Chlaus lässt Frauenfürze ab. Es kommt aber keine Stimmung auf. Es ist zu kalt, wir sind zu wenige, die Bullen sind zu nahe.
Plötzlich knallt es. Das Gewehr eines Bullen im Kordon vor dem Knast raucht. Neben mir zischt eine Tränengaspetarde über den Boden. Rauch wirbelt aus ihr heraus. Wir weichen zurück, verbergen Mund und Nase hinter Halstüchern.
Das Rauch der Petarde ätzt. Ich muss husten, in meine Augen springen Tränen.
Wieder knallt es. Gummigeschosse pfeifen um meinen Kopf. Ich drehe mich um, flüchte. Unwillkürlich spanne ich meinen Rücken an.
Ich kann nichts sehen. Die Tränen versperren die Sicht, meine Augen brennen wie Feuer. Blind renne ich den anderen nach. Überall ist jetzt das Gas. Ich kann fast nicht mehr atmen. Mein Schal hilft mir nichts. Weg nur weg.
Plötzlich taucht vor mir ein Bulle mit Gasmaske und gezogenem Schlagstock auf. Ich weiche aus, er hat zum Glück jemand anderen gesehen, verschwindet wieder im Nebel.
Ich muss raus aus dem Gas. Sonst ersticke ich. Meine Lungen explodieren. Ich kriege keine Luft mehr. Alles brennt, Feuerwogen schiessen durch meinen Körper. Um mich herum knallt es, noch mehr Tränengas, noch mehr Gummigeschosse.
Irgendwie gelingt es mir den See zu erreichen. Entlang der Strandpromenade renne ich in Richtung Stadt. Mit mir andere. Auf ein Mal rennt Chlaus neben mir.
»Dich hat’s ganz schön erwischt,« ruft er und hält mich an. »Wart! Leg den Kopf zurück.«
Mit einem Finger zieht er mein Augenlid zurück. Etwas verschwommen Gelbes taucht in meinem Gesichtsfeld auf. Flüssigkeit spritzt in mein offenes Auge. Ich springe zurück.
»Hei, langsam, es ist nur Zitronensaft. Das tut gut. Es neutralisiert.«
Wirklich brennt mein Auge weniger. Ich kann wieder etwas deutlicher sehen. Chlaus wiederholt die Prozedur am rechten.
»Komm, wir gehen ins Trübli.«
Chlaus führt mich weiter. Ich muss immer wieder niessen, meine Nase läuft, ich fühle mich elend. Unter einer Strassenlaterne übergebe ich mich. Chlaus hält mich fest, sonst bräche ich zusammen.
Die Knallerei ist jetzt weit weg. Irgendwo in der Altstadt schon. Es riecht aber immer noch nach Tränengas. Nur der Geruch schon dreht mir den Magen wieder um. Chlaus träufelt mir nochmals Zitronensaft in die Augen.
Über Umwege erreichen wir das Trübli. Chlaus setzt mich an einen Tisch. Bestellt einen Tee für mich. »Bleib hier sitzen. Ich glaub nicht, dass sie hier herein kommen. Hier nimm die Zitrone. Ich habe noch mehr. Ich geh jetzt wieder hinaus. Vielleicht finde ich noch andere Opfer…«

Sagt es und ist verschwunden. Ich fühle mich todelend, schlürfe langsam den Tee und warte, bis sich die Augenreizung ein wenig gelegt hat. Mit der Zeit kommen auch die anderen in die Beiz. Maria hat einen blauen Fleck am Arm, von einem Gummigeschoss. Regines Augen sind noch schlimmer dran, als meine. Die Beiz gleicht bald einem Lazarett. Überall werden Zitronen herumgereicht, Papiertaschentücher und feuchte Lappen.
Ich fühle mich niedergeschlagen und hilflos. Warum konnten sie uns nicht einmal diese kleine Demo machen lassen? Warum sogleich diese Kriegsmaschinerie? Manchmal halte ich es fast nicht mehr aus.
Es ist erniedrigend. Was kann man auch noch machen gegen einen so übermächtigen Gegner? Wir sind allein, eine kleine Gruppe Widerstandskämpfer im Ozean der Gleichgültigen. Was helfen da Demos, Elterngruppen, Sitzungen? Wir können doch eh nichts machen.
Ausser vielleicht neuen Actions. Maria hat das ja schon einmal gesagt. Aber das find ich im Moment zu heiss. Überall sind Bullen. Keine Chance…
Ich fühl mich ihnen ausgeliefert. Sie können alles mit uns machen. Wir sind allein. Niemand kann uns helfen.

 

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