Aderlass: Verliebt

Es gibt nichts Schöneres, als nach einer Nacht voller Liebe, durch die Stadt zu spazieren. Dieses erfüllte Gefühl im Bauch! Diese weiche Leere in den Lenden. Es ist als ob um mich herum eine Aura strahlt, ein Kokon, der mich abschirmt gegen die Kälte, gegen das graue Wetter, die grauen Menschen. Ich habe etwas, das mir niemand nehmen kann, tief in mir drinnen, mein Körper, meine Seele ist aufgeladen vom sanften Strom der Liebe, ein prickelnder Energieschirm, der mich durch diesen Freitagnachmittag trägt.

Wie gerne wär ich für den Rest meines Lebens auf meiner Matratze liegengeblieben. Aber das Leben geht weiter. Laura musste nach Zürich. Vielleicht ist das auch gut so. Den Kokon unsere Liebe trage ich ja mit mir. Auch hier draussen, in der Wirklichkeit.
Langsam spaziere ich durch die Strassen Würktens. Mir ist, als ob ich sie zum ersten Mal sähe. Ich entdecke Giebel, an denen ich jahrelang vorbeigegangen bin, Erker, Balkone.
Es fühlt wie Ferien, wenn man durch eine fremde Stadt geht, eine Stadt, die unbelastet ist von der eigenen Vergangenheit. Die Strassen sind voller Schönheiten, an jeder Ecke entdeckt man Neues, noch nie Gesehenes. Und man wundert sich über die Vielfalt, den Einfallsreichtum der Menschen und freut sich, zu sehen, zu betrachten, zu geniessen.
So muss es auf meiner Weltreise werden!
Die Fesseln der Zeit sind abgefallen, ich treibe durch den Tag, muss nichts, habe nichts vor, bin einfach. Alles um mich herum ist schön, und weit weg, so weit, dass ich das Gefühl habe, er sei nicht wirklich, sei Illusion, sei Sinnestäuschung, liegt der Dschungel des Alltags. Es ist, als ob er mich nie mehr einholen könnte.
Die Stadtkirche schlägt. Vier helle klirrende Schläge, fünf hallende dunkle. Unter den Wolken dringt die Abendsonne hervor. Sie wirft ihr gelbes Licht auf den Kirchturm, lässt Gold und Silber der Kirchturmuhr aufglänzen, wie Augen, wenn sich Kerzenlicht darin spiegelt. In dieser Kirche wurde ich konfirmiert, es ist, als ob es Jahrtausende zurück liegt. Der sechzehnjährige Bert von damals scheint ein fremdes, unbekanntes Wesen, das durch die Irrnisse der Geschichte treibt, auf und ab getrieben von den Wellen der Zeit.
Dies ist die Zeit, um Gedichte zu schreiben, Liebeshymnen und Balladen. Dies ist die Zeit, die nie vergehen sollte, die weich und glänzend ihren Sonnenstrahl auf die Kirchturmuhr des Lebens wirft.
Ich erinnere mich an einen Haiku, den ich vor Jahren geschrieben habe:

Arme Menschen! – Seht
all die Rosen, in ihren
Farben, ihrem Duft

Ich erinnere mich an einen Frühlingstag in meiner Kindheit. Die Sonne brannte auf meine Armen. Ich lehnt aus dem Fenster auf die Daunendecke, die Mutter zum Lüften übers Fenstersims gelegt hatte. Unter mir rauschte der Verkehr Würktens, Mutter klopfte einen Teppich im Garten, Frau Meierhans, unsere Nach­barin, schüttelte ihren Flaumer aus. Und ich lag oben, die Arme in der Frühlingssonne, das gleissende Licht der weissen Decke um mich herum. Ich schwebte über allem. Warm und wohlig.
Die Wolken schieben sich wieder über die Sonne. Der Kirchturm wird dunkel, ich merke, dass ich friere. Ich gehe ins Trübli.

 

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